herta müller

veröffentlichungen

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde!

 

„man wird in Ruhe gelassen“

 

Herta Müller wurde1955 in Bottrop geboren.

Sie studierte von 1975-1981 an der Folkwangschule Essen

Sie ist seit 1990 Gastprofessorin an der UdK Berlin.

Sie lebt und atbeitet in Berlin und Loro Ciuffena, Italien

In zahlreichen Ausstellungen wurden und werden ihre Arbeiten gezeigt.

Herta Müller ist durch langjährige Zusammenarbeit verbunden mit der Galerie Georg Nothelfer, Berlin und der Galerie Vielle du Temple, Paris

 

Der Kunsthistoriker Eugen Blume schrieb 2006 im Katalog Herta Müller „30 TAGE“:

„... Im Angesicht der Natur, wenn man sich auf sie einlässt, wird man vor allem gelassen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Man wird ermutigt, zu bleiben was man ist.

Man wir in Ruhe gelassen - und zwar in eine tiefe Ruhe, die zurückreicht an jenen unfassbaren Anfang, aus dem alles geworden ist.

Der Blick in die Natur ist ein Sehen auf uns selbst und diese gedankliche Spiegelung führt uns zurück in jene Gefilde, aus denen uns der Geist vertrieben hat.“

 

Herta Müller hat sich hoch in den toskanischen Bergen ein Refugium gebaut, in das sie sich seit vielen Jahren zurückzieht, um dort über Monate allein mit der Natur zu leben und zu arbeiten.

In dieser Klause ist sie auch jetzt.

Sie kommt erst spät im Oktober zurück nach Berlin und wird zur Finissage für Fragen zur Verfügung stehen.

 

Die Künstlerin ist inspiriert von der toskanischen Landschaft aber sie bildet sie nicht ab. Sie legt sich selbst und uns Betrachter nicht fest auf konkrete Veduten.

Nicht das Landschaftsdokument ist ihr Thema, sondern die eigentlich sichtbaren Bestandteile dieser Natur:

Die zufälligen Bögen von Baumwurzeln, die über eine Steinplatte wachsen. Spiegelungen auf dem Wasser von Gebirgsbächen. Blatt und Astwerk in seiner Verwobenheit, welches einen Talblick vergittert.

Linien die Ameisenwegen gleich zu Farbflecken führen und mir das Gefühl geben:

so seltsam war es doch vor drei Tagen beim Pilze-suchen. Nicht der vertrocknete Fichtenwald begegnete mir, sondern ich stolperte durch Untiefen von zerknackenden, verwesenden Ästen die unter dem schön geschwungenen Moosteppich liegen. Und ich spähte nach den braunen Kappen der Maronen, die sich mal schief und klein an einem Aststumpf emporschoben oder schon alt und verschimmelt waren, oder bilderbuchgleich frisch und makellos über dem Moos standen.

(Die Begegnung mit dem Realen dort draußen kann unter Umständen über das romantische Betrachten hinaus sehr eindrücklich sein. Die unberechenbare Natur dringt manchmal wirklich ein: Mehrere Zecken, die zwar entfernt sind aber mit ihrem Giftcocktail unklare Schwellungen hervorgebracht haben, plagen mich zur Zeit.)

 

Also die Bögen der Wurzeln, Spiegelungen, die Linien der Ameisenwege.

 

In den Vierecken der Papiere und Leinwände findet Herta Müller die Rahmen für Liniaturen und Flecksetzungen. Auch große Leerräume, Restflächen werden im Bildformat zu definierten Bildbestandteilen. Linienschwünge mit Grafitstiften oder Pastellkreiden gezogen, Farbflächen verdichten sich ab und zu, bleiben jedoch offenes Spiel um gültiges Bildgefüge.

Erst in zweiter Betrachtungsebene verweisen sie auf die toskanische Berglandschaft aber auf erstaunlich nachvollziehbare Weise.

 

So berühren mich die Zeichnungen und die Malereien von Herta Müller ganz unvermittelt.

 

Nach der Eröffnung unserer Kunsthalle vor wenigen Wochen mit der Ausstellung von Bildern von Ulf Duschat und Skulpturen von Stefan Bohnhoff erreichte uns der Einspruch eines bekannten Kurators:

Warum zeigen alte weiße Männer die Kunst alter weißer Männer und dann noch ohne ein Vermittlungskonzept. Wie sollen die Betrachter Zugang zu diesen Arbeiten bekommen.

Sowohl Eckhart Haisch als auch ich haben die Arbeiten der Künstler, zugegeben aus unserer subjektiven Sicht, vorgestellt und über ihre Besonderheiten geredet. Wir haben uns Mühe gegeben.

 

Unser Alltag ist vollgestopft mit Surrogaten und Bildermüll: Krimis als billige Grimmsmärchen-Kopien, Talkshows wie Kaspertheater voller Wort-und Verhaltenshülsen. Wir sind überflutet mit Scheinrealitäten deren schöne Oberflächen uns die wirklichen Machtmechanismen darunter verschleiern! Unsere Sinneswahrnehmungen werden permanent übertönt.

Kunstpräsentationen mit Eventcharakter versuchen mit ausgeklügelten Vermittlungsstrategien zu Blockbustern zu werden. Erklärungen zu Bildern z.B. in der Van Gogh Ausstellung in der Barbarini-Galerie-Potsdam (eine der vielbesuchten Blockbuster Ausstellungen) machen wortreich die Feinheiten und Schönheiten der Bilder, der Malereien unsichtbar. Vermittlung als Ärgernis!

 

Galerien und Kunsthallen sind Freiräume wie es Landschaften sind. Erholungsorte für die Sinne.

Wenn in unserer Galerie die Bilder von Herta Müller zu erleben sind, ist es ein Angebot unvermittelt eine Reise in die wirkliche und fremde Welt des eigenen Erlebens zu beginnen.

Herta Müllers Arbeiten haben für mich offenbarende Kraft. Sie zeigen zum einen die unprätentiöse Künstlerschaft der Autorin und führen mich zum anderen zu meinem eigenen Erleben:

zum Staunen über die seltsamen, zufälligen aber letztlich gültig gesetzten Zusammenhänge von Linien und Flecken aus denen sich diese Bilder und reale Landschaften erstaunlich schön zusammensetzen.

 

Volker Henze

Lehnin, 12.09.2021


massa del canto - Malerei und Zeichnung

Ein Buch mit umfangreichen Werkabbildungen und Texten folgender Autoren:
Eugen Blume ( Autor und Herausgeber ), Alfred Brendel, Dorothee Baer-Bogenschütz, Matthias Harder, Harvey Sachs;

Erschienen im Wienand Verlag, Köln

 

Preis: 34 €

Erhältlich bei der Künstlerin, im Buchhandel

sowie beim Wienand Verlag

 


Wienand Verlag, Köln das Buch - Massa del Canto - mit umfangreichen Werkabbildungen und Texten folgender Autoren:
Eugen Blume ( Autor und Herausgeber ), Alfred Brendel, Dorothee Baer-Bogenschütz, Matthias Harder, Harvey Sachs;

 

Zarte Farben, feine Linien und naturhafte Formen bestimmen das malerische und zeichnerische Werk der Berliner Künstlerin Herta Müller (geb. 1955). Die vorliegende Publikation befasst sich mit Arbeiten, die seit 2009 entstanden und wie ihre früheren Zeichnungen und Aquarelle von ihren Sommeraufenthalten im nördlichen Italien inspiriert sind. Herta Müller übersetzt ihre visuellen Eindrücke von Lichtstimmungen, Wasserspiegelungen, gebleichten Flusssteinen, farbigen Schatten in eine sensible, poetische Malerei. Sie schafft damit Werke von beeindruckender atmosphärischer Dichte und schlägt unmittelbar eine Brücke zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei.

Delicate colours, fine lines, and natural forms define the painterly and graphic work of the Berlin artist Herta Müller (b. 1955). The current publication addresses works that have been created since 2009 and, like her earlier drawings and watercolours, inspired by her summer sojourns in northern Italy. Herta Müller translates her visual impressions of the semblance of light, reflections in water, bleached boulders, and colourful shadows into sensitive poetic painting. In doing so she creates works of impressive atmospheric depth that intuitively bridge abstract and representational painting.


Pfadlose Wege

erschienen im Radius Verlag, das Plateau / August 2018

14 zeichnungen

ca. 31,5 x 27,5 cm resp. 27,5 x 31,5 cm